Seit Oktober 2007 werden wir an dieser Stelle monatlich einen Beitrag unseres aktiven Mitglieds Ingrid Dorschner veröffentlichen.
Die Reihe steht unter dem Motto " Wahres, Erdachtes und Gedichte "

Die Novembergeschichte:
 

  Sorgen einer Igelmutter 

Die Igelmutter Käthe kommt vorsichtig aus ihrem Nest und schaut sorgenvoll in den  Abendhimmel.. 
Es ist stürmisch und kalt geworden. Der Wind treibt die Wolken vor sich her und schüttelt die bunten Blätter von den Bäumen, dass sie überall wie bunte Sterntaler umherwirbeln.   
Eigentlich ist es ja ein schöner Anblick, aber Mutter Käthe hat große Sorgen.  Sie hatte erst ziemlich spät im September ihre Igelkinder bekommen und die waren längst noch  nicht groß genug, um einen zeitigen Winter zu überstehen. Ihre vier Kinderchen lagen jetzt zwar   warm und satt in ihrem Nest, aber lange konnte sie die Kleinen nicht mehr säugen, da sie selbst zur Zeit zu mager war, um einen langen kalten Winter zu überleben. Dazu brauchte sie nämlich  einen dicken Speckring, und den hatte sie noch nicht, sondern nur Hunger.   Plötzlich spitzte Sie die Ohren und lauschte gespannt, denn sie hatte irgend ein Geräusch im Gras  gehört. Sie machte zwei vorsichtige, leise Schritte und schnappte schnell zu. Tatsächlich hatte sie einen verspäteten Käfer fangen können, den sie nun schmatzend vertilgte. Es war zwar nicht viel, aber immerhin war der Anfang ihres Abendbrotes gemacht. Sie trabte los und suchte erst einmal   die Futterstellen für Katzen ab, ob noch etwas von deren Futter übrig geblieben war, und dann   suchte sie am nahen Bachufer nach Regenwürmern. Wenn sie Glück hatte, dann fand sie noch   eine dicke Schnecke.  Wie fast jeden Abend begegnete ihr auf ihrer Wanderung der alte weise Igelgroßvater Brummel.   Er lebte dort in der Nähe in einem riesigen Komposthaufen und wusste selbst nicht mehr, wie alt  er eigentlich war. Aber er hatte in seinem langen Leben schon so viel erlebt, dass er allen   jüngeren Igeln gute Ratschläge geben konnte. Auch die Igelkinder gingen gerne zu Opa   Brummel, weil er so viele schöne Geschichten erzählen konnte. Nachdem sich beide Igel begrüßt   und ein wenig in die Seiten gestupst hatten, fragte Opa Brummel: „ Was ist denn los, Käthchen,   deine Augen schauen aber heute gar nicht fröhlich in die Welt. Hast du etwa Kummer?"   „ Ja" sagte Mama Käthe „ ich habe sogar große Sorgen. Was mache ich nur mit meinen Kindern,   wenn ein zeitiger Winter kommt. Sie werden erfrieren oder verhungern, denn ich kann mich nicht   mehr lange um sie kümmern. Ich muss mir doch selbst noch etwas Fett anfressen, um über den   Winter zu kommen."    Opa Brummel legte seine Stirn in Falten und dachte nach. Als junger Igel wäre er ja selbst bald   erfroren, als der Winter kam, weil er nicht daran gedacht hatte, sich ein eigenes Nest zu bauen.  Er war einfach nur herumgetollt und eines Nachts kamen eiskalte weiße Flocken statt Regen vom   Himmel. die alles zudeckten. So konnte er nicht einmal mehr sehen, wo noch Blätter lagen und   wäre selbst nicht am Leben geblieben, wenn ihn nicht gute Menschen gefunden und   mitgenommen hätten. Sie hatten ihm Futter gegeben, ein warmes Nest für ihn gebaut und ihn erst   im nächsten Frühjahr, als die weiße Watte, die die Menschen Schnee nannten, verschwunden   war, wieder nach draußen unter einen Busch gebracht.   Das alles erzählte er Mama Käthe. Noch hatte sie ja etwas Zeit, um sich um ihre Kinderchen  und   um sich selbst zu kümmern. Als die Kleinen etwas größer waren, machte sie mit ihnen weite   Spaziergänge und führte sie dort hin, wo auch Menschen vorbeikamen. So hatten die Kleinen   vielleicht auch die Chance, wie damals Opa Brummel, gefunden und aufgenommen zu werden.   Sie zeigte ihnen auch Vogelfutterstellen, weil man auch herabgefallene Sonnenblumenkerne oder  Haferflocken fressen kann und nicht nur die Reste vom Katzenfutter.   Eines Tages entdeckte sie unter einer umgedrehten Kiste ein Schälchen mit viel Katzenfutter,  das bestimmt für sie hingestellt worden war, da Katzen viel dickere Köpfe haben und nicht unter die   Kiste kommen konnten. Auch ein Schälchen mit Wasser war dabei. Von nun an führte sie ihre  Kinder jeden Tag an diesen für sie gedeckten Tisch, und wenn sie satt waren, zeigte sie ihnen, wo  und wie sie sich eigene Nester bauen konnten. Nun war ihr auch nicht mehr so bange vor dem   Winter, denn sie wusste, dass die Menschen, die täglich Futter für sie hinstellten, auch im Winter   ihre Kinder bestimmt nicht sterben lassen würden. 

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