Vergebliche Bemühungen
An einem total verregneten
Dezembermorgen klingelte es bei uns und eine Frau überreichte mir
ein völlig unterkühltes und durchnässtes kleines Igelchen.
Sie erzählte, dass sie schon seit zwei Tagen einen überfahrenen,
und wie sie glaubte, toten Igel am Straßenrand liegen sah, Heute
nun sei es ihr vorgekommen, als habe das Tierchen den Kopf bewegt, um ihn
aus dem Wasser zu heben. Sie fand sich selbst zwar töricht, nahm sich
aber vor, auf dem Rückweg noch einmal genauer hinzusehen. Und siehe
da, es stimmte tatsächlich, dass der Igel versuchte, den Kopf aus
dem abfließenden Wasser zu halten. Da die Frau mich angeblich durch
Veröffentlichungen kannte und selbst weder Zeit noch Lust hatte, zum
Tierarzt zu fahren, sollte ich versuchen, ob dem Tierchen noch zu helfen
wäre.
Ich versuchte zunächst,
das völlig unterkühlte und schlappe Igelchen etwas zu trocknen
und machte ihm ein warmes Lager auf einer Wärmflasche. Danach bereitete
ich eine Infusion vor, um etwas Flüssigkeit in den kleinen Körper
zu bringen. Nach gut zwei Stunden versuchte ich, eine winzige Menge durch
ein Sieb gestrichenes Katzendosenfutter mit Fencheltee verrührt zu
futtern. Nach anfänglichem Protest fing das Igelchen plötzlich
an zu schlucken und schnappte gierig nach dem Futter. Ich war glücklich
und voller Hoffnung, dass dieser Igel vielleicht gerettet werden kann.
Weitere Fütterungen alle paar Stunden verliefen problemlos und der
Igel erholte sich zusehends. Eine leichte oberflächliche Wunde, auf
der sich die Maden tummelten, war das kleinste Übel. Sie wurde gereinigt
und gesalbt und das schien auch keine Schmerzen zu bereiten. Dafür
war der Schreck umso größer, als das erste Kothaufchen abgesetzt
wurde. Alles war voller Blut. Also war doch weitere medizinische Behandlung
nötig. Es mussten Antibiotika und Medikamente, die den Darm beruhigen,
verabreicht werden. Nach zwei Tagen war deutliche Besserung eingetreten
und meine Hoffnung wieder größer. Das Igelchen schien es zu
genießen, wenn es nach der Fütterung noch eine Weile auf meinem
Schoß lag, ich das Bäuchlein massierte, es streichelte und beruhigend
mit ihm redete. Am dritten Tag verweigerte es abends plötzlich das
Futter und auch die Wärmflasche gefiel auf einmal nicht mehr. Als
ich, wie in den vergangenen Nächten, nach ihm schauen wollte, lag
es so, wie ich es hingelegt hatte da und war tot. Es schien einfach eingeschlafen
zu sein. Ich war sehr, sehr traurig, denn es war ein so sanftes Tierchen,
das nie die Stacheln aufgestellt hatte und sicher so wie ich darauf vertraut
hatte, gesund zu werden.
Nachruf für einen
Igel
Mein kleiner Freund,
es ist vorbei,
der Tod war stärker
als wir zwei.
Wir kämpften
beide Tag und Nacht
und haben‘ s trotzdem
nicht geschafft .
Ohnmächtig
stehe ich daneben .
Warum nur durftest
du nicht leben?
Nun deckt dich kühle
Erde zu,
schlaf gut mein Freund,
nun hast du Ruh.
Ingrid Dorschner (2007)
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