Seit Oktober 2007 veröffentlichen  wir an dieser Stelle monatlich einen Beitrag unseres aktiven Mitglieds Ingrid Dorschner.
Die Reihe steht unter dem Motto " Wahres, Erdachtes und Gedichte "

Die Novembergeschichte 2008:
 

 
Vergebliche Bemühungen

An einem total verregneten Dezembermorgen klingelte es bei uns und eine Frau überreichte mir ein völlig unterkühltes und durchnässtes kleines Igelchen. Sie erzählte, dass sie schon seit zwei Tagen einen überfahrenen, und wie sie glaubte, toten Igel am Straßenrand liegen sah, Heute nun sei es ihr vorgekommen, als habe das Tierchen den Kopf bewegt, um ihn aus dem Wasser zu heben. Sie fand sich selbst zwar töricht, nahm sich aber vor, auf dem Rückweg noch einmal genauer hinzusehen. Und siehe da, es stimmte tatsächlich, dass der Igel versuchte, den Kopf aus dem abfließenden Wasser zu halten. Da die Frau mich angeblich durch Veröffentlichungen kannte und selbst weder Zeit noch Lust hatte, zum Tierarzt zu fahren, sollte ich versuchen, ob dem Tierchen noch zu helfen wäre.
Ich versuchte zunächst, das völlig unterkühlte und schlappe Igelchen etwas zu trocknen und machte ihm ein warmes Lager auf einer Wärmflasche. Danach bereitete ich eine Infusion vor, um etwas Flüssigkeit in den kleinen Körper zu bringen. Nach gut zwei Stunden versuchte ich, eine winzige Menge durch ein Sieb gestrichenes Katzendosenfutter mit Fencheltee verrührt zu futtern. Nach anfänglichem Protest fing das Igelchen plötzlich an zu schlucken und schnappte gierig nach dem Futter. Ich war glücklich und voller Hoffnung, dass dieser Igel vielleicht gerettet werden kann. Weitere Fütterungen alle paar Stunden verliefen problemlos und der Igel erholte sich zusehends. Eine leichte oberflächliche Wunde, auf der sich die Maden tummelten, war das kleinste Übel. Sie wurde gereinigt und gesalbt und das schien auch keine Schmerzen zu bereiten. Dafür war der Schreck umso größer, als das erste Kothaufchen abgesetzt wurde. Alles war voller Blut. Also war doch weitere medizinische Behandlung nötig. Es mussten Antibiotika und Medikamente, die den Darm beruhigen, verabreicht werden. Nach zwei Tagen war deutliche Besserung eingetreten und meine Hoffnung wieder größer. Das Igelchen schien es zu genießen, wenn es nach der Fütterung noch eine Weile auf meinem Schoß lag, ich das Bäuchlein massierte, es streichelte und beruhigend mit ihm redete. Am dritten Tag verweigerte es abends plötzlich das Futter und auch die Wärmflasche gefiel auf einmal nicht mehr. Als ich, wie in den vergangenen Nächten, nach ihm schauen wollte, lag es so, wie ich es hingelegt hatte da und war tot. Es schien einfach eingeschlafen zu sein. Ich war sehr, sehr traurig, denn es war ein so sanftes Tierchen, das nie die Stacheln aufgestellt hatte und sicher so wie ich darauf vertraut hatte, gesund zu werden.

Nachruf für einen Igel

Mein kleiner Freund, es ist vorbei, 
der Tod war stärker als wir zwei. 
Wir kämpften beide Tag und Nacht 
und haben‘ s trotzdem nicht geschafft .
 Ohnmächtig stehe ich daneben . 
Warum nur durftest du nicht leben? 
Nun deckt dich kühle Erde zu, 
schlaf gut mein Freund, nun hast du Ruh.

Ingrid Dorschner (2007)
 

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