Montag, 20. Oktober 2008    WBG/GRH                AUS DER REGION                                MITTELDEUTSCHE  ZEITUNG


 Die Schüler lauschen den Erklärungen von Ingrid Dorschner (im Hintergrund Ehemann Johannes)       Foto: Achim Kuhn

Wir können wohl gar nicht mehr anders"

Ehrenamt    Ingrid und Johannes Dorschner pflegen liebevoll kranke Igel.


VON KLAUS ADAM

WITTENBERG/MZ - Eine Rasselbande ganz anderer Art haben Ingrid und Johannes Dorschner an diesem Vormittag zu betreuen. Zwar auch klein von Wuchs, aber doch nicht ganz sao folgsam wie ihre stacheligen Zöglinge. Dennoch haben die „Igeleltern“ auch diese zweibeinigen Kleinen gern, finden sie doch nur durch deren Neugier die Hoffnung genährt, dass die Kinder künftig mit etwas offeneren Augen durch die Natur streifen. Wenn sie nicht eh nur vor dem Computer oder dem Fernseher sitzen. Kinder aus der Wittenberger Diesterweg-Grundschule sind es dieses Mal, die etwas über die Igel erfahren möchten.
Mit kleinen Fragen versteht Ingrid Dorschner das Interesse der Jungs und Mädchen der 3. und 4. Klasse zu wecken. „Wie viele Stacheln hat denn so ein Igel?“, fragt sie. „10000!“, kommt prompt eine Antwort. „Na, es sind rund 100 bei der Geburt und 6 000 bis 8000, wenn sie erwachsen sind“, stellt die erfahrene Igelkennerin richtig. Während Ehemann Johannes draußen die andere Hälfte der Kinder hütet, schaut die Gruppe eine DVD über die stacheligen Gesellen.
Seit 40 Jahren kümmern sich die beiden Dorschners um die Tiere, die in diesen Tagen ihr Winterquartier suchen. Für die gelernte Krankenschwester bedeutet dies, spätestens um fünf Uhr morgens aufzustehen, um die Schützlinge zu versorgen. Selbst zu Hause werden einige gepflegt. Was bedeutet, 
 

verschiedene Sorten Futter anzurühren:  Milch für die Kleinsten, Reisflocken mit Dosenfutter vermischt durch ein Sieb passiert für die etwas größeren. Und die schon erwachsenen Igelchen bekommen
Trockenfutter. Und sofern die Tiere krank sind erhalten sie von „Schwester Ingrid“ eine Spritze mit dem nötigen Medikament.
Tag für Tag geht das so. "Wir können wahrscheinlich gar nicht mehr anders“, sinniert Vater Dorschner. Die eigenen Kinder waren es, die damals den ersten Igel mit nach Hause brachten. Seinerzeit hätten die Eltern wohl nicht gedacht, dass daraus eine Lebensaufgabe werden würde.
Dorschners Rat ist gefragt. Sogar von Tierärzten. Selbst die Mediziner sind sich manchmal gar nicht sicher, ob sie das Richtige tun, wenn ihnen jemand einen kleinen Igel auf den Behandlungstisch legt Wenn sie fragen, dann ist Ingrid Dorschner schon etwas beruhigter. Denn selbst Tierärzte haben bei der Behandlung von Igeln schon Fehler gemacht. „Es sind Wildtiere und keine Hauskatzen“, mahnt Ingrid 

Dorschner. Während sie für die praktische Versorgung der possierlichen Tiere zuständig ist, kümmert sich Johannes Dorschner als Vorsitzender des Vereins der Igel-freunde um den Verwaltungskram.
Durchaus möglich, sagt er, "dass unsere Einrichtung die größte in Deutschland ist“. Zeitweise war er sogar Vorsitzender von mehreren Igelvereinen. Doch überall werden die Vereine von Nachwuchssorgen gequält. Das ist in Wittenberg nicht anders. Sponsoren sind sehr wichtig, aber genauso wichtig sind Leute, die sich Tag für Tag um die kleinen
Geschöpfe kümmern. Und die fragen nicht nach Wochenende oder Feiertag.
Seit ihrer Schulzeit engagieren sich Dorschners im Kulturbund. Was aber mancher Igelfreund nicht weiß: Dorschners haben in Wittenberg auch den Karneval mit aus der Taufe gehoben. Bis 1985 ein Bühnenwitz dem lustigen Treiben ein Ende setzte. Auf die seinerzeit durch Reservistendienate dezimierte Elferrats-Ministerreihe weisend sagte er damals: „Lieber bei Hoffmann stehen als bei Mielke sitzen“. Fortan hatte die Liebe zur Natur bei Dorschners wieder mehr Raum.
Die im übrigen auch schon mehrmals durch Preise und Urkunden gewürdigt wurde. Unter anderem durch den Landes-Naturschutzpreis, kurz nach der Jahrtausendwende.