Seit Oktober 2007 werden wir an dieser Stelle monatlich einen Beitrag unseres aktiven Mitglieds Ingrid Dorschner veröffentlichen.
Die Reihe steht unter dem Motto " Wahres, Erdachtes und Gedichte "

Die Januargeschichte:
 

  Der vorwitzige kleine Igel 
In einer warmen Sommernacht hatte die Igelmutter Stupsnase drei kleine Igelbabys zur Welt gebracht. Hilflos lagen sie in ihrem warmen Nest, das ihre Mutter mit viel Liebe aus Laub, trockenem Gras und alten Papierschnipseln, die sie bei ihren Streifzügen gefunden hatte, ausgepolstert hatte. Sogar ein warmer und weicher Kinderhandschuh war darunter, und das war der Ehrenplatz, auf dem die Jungen abwechselnd mal liegen durften. Die drei Igelchen waren noch blind und schwach, und ihre Stacheln waren noch weich. Sie kuschelten sich ganz eng an ihre Igelmutter, die sie mit ihrer warmen Bauchwolle wärmte. Nach etwa zwei Wochen hatten sie sich bereits prächtig entwickelt, ihre Stacheln waren fest und dunkel geworden, sie standen fest auf ihren Beinchen und konnten die Augen öffnen. Nun gab es für sie kein Halten mehr. Von Nacht zu Nacht entfernten sie sich mit ihrer Mutter ein Stückchen weiter weg von ihrem Nest und schon nach kurzer Zeit durften sie sie auf ihren weiten Nachtspaziergängen begleiten. Dann kehrten sie erschöpft zurück und schliefen den ganzen Tag. Dabei träumten sie von großen Abenteuern, die sie bestehen mussten, wenn z.B. ein dicker Ast zu überqueren, oder eine Pfütze zu durchlaufen war. Sehr oft begleitete sie auf ihren Streifzügen der gute alte Mond, der mit Wohlgefallen der Igelmutter mit ihren drei Kindern auf ihrem Wege leuchtete. Dabei war ihm aufgefallen, dass Pünktchen und Blondchen, die beiden Igelmädchen, brav hinter der Mutter blieben, währen Pieks, der Igeljunge, gern ein wenig eigene Wege ging. „Es wird mir schon nichts passieren“, sagte er zu seiner  Mutter, wenn sie ihm Vorhaltungen machte. „Wenn mich jemand berühren will, mache ich mich zur Stachelkugel und pieks, pieks, tut er sich weh“. Und damit trollte er sich.

Die beiden kleinen Igelmädchen hatten ihre Namen nach ihrem Aussehen. Pünktchen hatte auf der Stirn zwischen den Augen einen hellen Punkt und Blondchen hatte insgesamt helles, eben blondes Haar. Daran waren beide vor allem auch für den guten alten Mond leicht auseinander zu halten. Ihre Igelmutter brachte ihnen mit viel Geduld und Ausdauer bei, wie man Schneckenhäuser zerknackte, Regenwürmer aus der Erde zog und Asseln, Spinnen und sonstiges Getier fing, Dabei war allmählich und ganz unmerklich der Sommer vergangen. Unsere kleinen Igelkinder waren herangewachsen und der gute Mond musste manchmal schon recht genau hinschauen, um an der Größe noch zu unterscheiden, welches die Igelmutter und welches die Jungigel waren. Sie hatten inzwischen alle gelernt, ihre eigenen Wege zu gehen und trafen sich nur noch gelegentlich mit ihrer Mutter. Dann allerdings hatten sie sich viel zu erzählen, wie es ihnen erging und wo sie gedachten, ihre eigenen Behausungen zu errichten. Bei diesem Thema allerdings wurde Pieks, unser Igeljunge, jedoch immer ganz merkwürdig still. Er hatte sich eigentlich um ein eigenes warmes Nest für den kommenden Winter noch keine Gedanken gemacht. Seine Mutter hatte ihm zwar auch von der großen Kälte und der weißen Decke, die die Menschen Schnee nannten, erzählt. Er wusste auch von ihr, dass diese Schneedecke eisig an den Füßen brannte, aber genaueres konnte sie auch nicht sagen, da sie diese Zeit immer verschlafen hatte. Bei diesen Gesprächen wurde ihm ganz mulmig zumute, wenn er an die Hecke dachte, unter der er bis jetzt Tage verschlafen hatte. Diese war immer durchlässiger für Wind und Regen geworden, weil sie kaum noch Laub besaß. Er fror jetzt schon manchmal ganz erbärmlich. Eines Tages war es dann so weit. Pieks wachte frierend aus seinem Schlaf auf und wunderte sich. Was war das? War das der Winter? Es war wirklich ganz schrecklich kalt, seine ganze Schlafmulde war nass und vom Himmel kam der Regen in großen,  dicken, weißen Flocken. Es schneite. Nun war also das passiert, wovor seine Mutter so eindringlich gewarnt hatte. Pieks fror ganz jämmerlich, hatte ganz steife Beine und konnte nicht einmal mehr schnell laufen, um sich ein wenig aufzuwärmen und sich ein wärmeres Plätzchen zu suchen. Zu fressen konnte er auch nichts finden, da überall dieser schreckliche Schnee  herumlag. So irrte er umher und war traurig, dass er nicht dem Rat seiner Igelmutter gefolgt war, sich zur rechten Zeit um eine warme Bleibe zu kümmern.  

Plötzlich bemerkte er einen großen Schatten über sich   und eine warme Hand hob ihn hoch. Er war so matt, und auch so überrascht, dass er sogar vergaß, sich zusammen zu rollen und zu pieksen. Und das war auch gut so. Der Mensch nahm den Igeljungen Pieks mit nach Hause, setzte ihn in einen großen Karton und gab ihm etwas Futter für seinen knurrenden Magen. Er legte ihm auch noch Holzwolle und Papier in den Karton  und in Windeseile baute unser Igeljunge daraus ein warmes Nest. Nun war er satt, endlich auch warm und von der Anstrengung müde. Im Einschlafen hatte er nur noch einen Gedanken, dass seine Igelmutter jetzt ganz gewiß sehr stolz auf ihn wäre, wie gut und schnell er ein so schönes Nest gebaut hatte. Es war ihm dabei völlig gleich, wer ihm dazu die Möglichkeit geboten hatte. Bald schlief er fest und hatte herrliche Träume.
 

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