Seit Oktober 2007 werden wir an dieser Stelle monatlich einen Beitrag unseres aktiven Mitglieds Ingrid Dorschner veröffentlichen.
Die Reihe steht unter dem Motto " Wahres, Erdachtes und Gedichte "

Die Januargeschichte 2008
 


Ein alter Weihnachtsbaum erzählt

Ein alter Weihnachtsbaum lehnte einsam und müde abseits an einer Hauswand und reckte seine kahlen Zweige in den Himmel. Er hatte fast alle seine Nadeln verloren und nur ganz vereinzelt hingen noch einige Lamettafäden an dem dürren Baumgerippe. Dabei gehen seine Gedanken zurück in seine Jugendzeit im tiefen Walde, wo er einst dicht gedrängt mit vielen anderen Tannenbäumen gemeinsam aufgewachsen war. Oft hatten sie Besuch von den Tieren des Waldes. Das war dann immer sehr aufregend, den sie hörten dann manchmal die tollsten Geschichten von der großen Welt und von den Menschen. Wie oft hatte sich unser kleines Bäumchen  damals gewünscht, wie die Tiere einfach fortzuhüpfen., um alles mit eigenen Augen zu sehen. Aber eines Tages, es war inzwischen schon recht eng bei all den kleinen Tannenbäumen geworden, kam ein Mann mit einer großen Säge  und suchte einige der schönsten Bäume aus. Das war für die kleinen Tannen keineswegs traurig, denn die abgesägten Bäumchen hatten Aussicht, in der großen Welt etwas Schönes zu erleben. Die im Wald zurückgebliebenen hatten endlich Platz, um einige Äste so richtig nach Herzenslust auszustrecken. Die ausgesuchten Bäumchen wurden auf einen Wagen geladen und ab ging die Fahrt in die Stadt. Sie freuten sich alle sehr, denn es hatte sich herumgesprochen, dass sie Weihnachtsbäume werden sollten. In der Stadt wurden sie abgeladen und staunten gar sehr über die vielen Lichter und die vielen Menschen, die eilig hin und her liefen. Es dauerte auch gar nicht lange, da kam eine Frau, kaufte sich eines der Bäumchen und trug es nach Hause. Sie erzählte, dass sie es in einen Ständer stellen und es mit silbernen Lamettafäden, bunten Weihnachtskugeln und vielen Lichtern schmücken wollte. Kurz danach wurde auch unser Bäumchen verkauft, in eine Wohnung gestellt und herrlich geschmückt. Das Bäumchen hielt ganz still, damit nichts von seiner Pracht herunterfallen sollte. Es wurden Geschenke unter den Baum gelegt, der vor lauter Aufregung kaum zu atmen wagte. Dann war der große Augenblick gekommen. Alle Lichter im Zimmer wurden gelöscht, nur das Bäumchen leuchtete und strahlte in vollem Glanze. Es wurde leise Weihnachtsmusik angestellt und die ganze Familie kam in das Zimmer. Natürlich schauten zunächst alle auf den schönen Baum, der vor Stolz und Rührung am liebsten geweint hätte. Seine Lichter funkelten nur so in den vielen Kugeln und die Menschen saßen um ihn herum und packten ihre Geschenke aus. Es war eine herrliche Zeit und so schön hätte sich das unser Tannenbaum in seinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können. So vergingen die Tage. Immer wieder wurden die Lichter angezündet und die Kinder spielten unter ihrem Weihnachtsbaum. Dabei passierte es manchmal, dass Lamettafäden oder auch einmal eine Kugel auf den Boden fiel. Aber so allmählich ließ die Freude doch nach und unser Bäumchen wurde langsam müde. Mehr und mehr wurden seine Nadeln trocken und fielen ab. Auch seine Äste wurden immer matter und hingen herab. Seine Zeit als Weihnachtsbaum war vorüber. Er war auch nicht traurig, als ihm eines Tages alle Lichter, die schönen bunten Kugeln und das glitzernde Lametta wieder abgenommen wurde. Es störte ihn auch nicht mehr, dass dabei nun fast alle restlichen Nadeln mit abfielen. Er wurde hinaus neben das Haus gebracht und musste nun nur noch darauf warten, dass ihn jemand abholte. Auch wenn ihm das jetzt niemand mehr ansah, er war einmal ein wunderschöner Weihnachtsbaum gewesen und dieses Erlebnis machte ihn sehr, sehr glücklich.
 

I. Dorschner (2009)
 
 
 

 

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