Seit Oktober 2007 werden wir an dieser Stelle monatlich einen Beitrag unseres aktiven Mitglieds Ingrid Dorschner veröffentlichen.
Die Reihe steht unter dem Motto " Wahres, Erdachtes und Gedichte "

Die Dezembergeschichte 2008
 

   Das Weihnachtsfest der Tiere

Wieder einmal war eine Einladung zu einer Sondersitzung unter der großen Eiche an alle interessierten Tieren geschickt worden. Es musste sich also um ein besonderes Ereignis handeln. Von überall her kamen die Tiere angehopst, gelaufen oder geflogen, um die Neuigkeit nicht zu verpassen. 
Der alte weise Uhu, der von den Tieren als Vorstand gewählt war, saß schon auf einem Ast und empfing seine Gäste. Fast alle waren schon gekommen. Es fehlten nur noch drei Tiere, der Igel, der Hamster und das Eichhörnchen. 
Der Igel hatte nach langem hungrigen Suchen endlich eine Stelle mit herrlichen Regenwürmern gefunden, die er sich natürlich köstlich schmecken ließ. Der Hamster hatte auf einem Feld noch einige vergessene Kornähren gefunden, die erst einmal in einem seiner Kornlager sichergestellt werden mussten und das Eichhörnchen hatte unter einem Nussbaum reiche Ernte gemacht, die es eilig verbuddelt hat. 
Als die Tiere bei der großen Eiche ankamen, war dort schon eine rege Diskussion im Gange. Lange verstanden sie gar nicht, worum es eigentlich ging, auf alle Fälle um ein Weihnachtsfest im Walde. So etwas gab es ja noch nie und nur der weise Uhu , der nachts in die Fenster schaute, konnte erzählen, dass das bei den Menschen ein ganz besonderes Fest ist. Alle Tiere waren aufgeregt und machten Vorschläge, nur unsere Winterdöser und Winterschläfer hörten nur aufmerksam zu. Alle Tiere waren bereit, etwas zum Gelingen des Festes beizutragen, ein paar Beeren oder Waldfrüchte zu spendieren, Eicheln, Kastanien oder Nüsse zu spenden, und unser Hamster trennte sich sogar von einem halben Maiskolben aus seinem Wintervorrat.          Nur unserem Igel fiel nichts ein. 
Er hatte ja nichts. Die paar trockenen Blätter brauchte er in seinem Winternest und wenn er einen Wurm, eine Schnecke oder ein paar Körnchen Vogelfutter fand, verschwand das sofort in seinem immer hungrigen Bauch. Außerdem war er in letzter Zeit wie in jedem Spätherbst nur noch unendlich müde. Er rollte sich zusammen und hörte noch eine Weile still zu.
Alle Tiere um ihn herum waren beschäftigt, kleine Geschenke zu basteln, z.B. Eicheln oder Haselnüsse in Blätter zu wickeln. Die Spinnen webten eifrig Fäden, mit denen die Päckchen verschnürt werden konnten. Eine kleine Tanne, die neben der Eiche stand, bot sich als Weihnachtsbaum an und wurde mit den Geschenken behängt. Ein schönes rotes Band, das im Walde gefunden worden war, schenkten die Tiere der Tanne und knoteten es in die Spitze der  des Baumes. 
Als alle Vorbereitungen beendet und der Baum bunt geschmückt war, fand das Fest statt. Alle Tiere waren in festlicher Stimmung und bald war die Feierlaune auf dem Höhepunkt. Plötzlich fragte der weise Uhu, der von seinem Ast den besten Überblick hatte, ob jemand den Igel gesehen hätte. Alle Tieren sahen sich an, aber niemand wusste etwas. „ Nun gut“ sagte der weise Uhu, der natürlich wusste, wo der Igel sein Nest hatte. „ Falls er sich wieder nur verspätet hat, holen wir ihn ab.“  Unter lustigen Gesprächen zog man los, aber auf der ganzen Strecke war kein Igel zu sehen. So kamen sie bis zu dem Igelnest. Aber was war das? 
Das Nest war besetzt, und als sie nachsahen, lag der Igel in tiefstem Winterschlaf. Nun war klar, warum er sich an den Vorbereitungen und an dem Fest nicht beteiligt hatte. 
Es war also nicht ein mangelndes Interesse, sondern ganz klar seine Vorbereitung auf den Winterschlaf. Leise schlichen die Tiere wieder zurück, nachdem sie das Igelnest wieder gut verschlossen hatten. Sie wünschten dem Igel noch einen langen und störungsfreien Schlaf und nahmen sich vor, ihm im Frühling, wenn der Igel erwacht ist, von ihrem schönen Weihnachtsfest zu erzählen.
 

I. Dorschner ( 2008)
 

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